Stellungnahme der DGSP zur Gefährdung des Rückzugshauses in Bremen Walle

Die Krankenkassen haben die seit Jahren bestehenden Verträge zum 31.12.2019 mit dem von der GAPSY (Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste) unterhaltenen Rückzugshaus für psychisch Erkrankte gekündigt. Wenn überhaupt ein neuer Vertrag zustande kommen sollte, verlangen die Krankenkassen erheblich reduzierte Kostensätze, die den Bestand akut in Frage stellen.
Das Rückzugshaus ist eine seit Jahren niederschwellig arbeitende Einrichtung für Menschen, die in akuten, schweren psychischen Krisensituationen auf ein teilstationäres, wohnortnahes Versorgungsangebot zurückgreifen können. Nachweislich konnten viele Klinikeinweisungen dadurch vermieden werden.
Das Rückzugshaus bietet zwischen 17:00 und 9:00 am Folgetag Hilfe, Schutz und Unterkunft (8 Plätze), Gespräche und bei Bedarf auch ärztliche Beratung. Die Einrichtung wird in Fachkreisen bundesweit als sehr innovativ geschätzt und gilt als Modell.

Die politischen Gremien in Bremen haben in der letzten Legislaturperiode einstimmig sehr konkrete Vorschläge zur Reform der Versorgung psychisch Erkrankter gemacht. Grundsätze waren Ambulantisierung und Abbau von stationären Behandlungsplätzen, Verlagerung der Behandlung in die Regionen der Stadt, Einbeziehung der Lebenswelten der Erkrankten, Einbeziehung der an der Therapie und Betreuung beteiligten Berufsgruppen und freien Träger i.S. der Bildung gemeindepsychiatrischer Verbünde nach dem Vorbild anderer Bundesländer.

Nun haben die Krankenkassen offensichtlich andere Vorstellungen:

  • Einsparungen – die Rückzugsräume sind ihnen zu teuer (?), es fehlt die Nutzungskontrolle
  • Reduzierung der Kapazitäten, des betreuenden Personals
  • Ausschluss der ärztlich-fachlichen Beratung
  • Zentralisierung von Dienstleistungen (Krisentelefon, Sozialpsychiatr. Dienst usw.)

Stattdessen besteht der Eindruck, dass die Krankenkassen mehr Kontrolle und Steuerung über das therapeutische Geschehen haben wollen. Sie planen Verträge mit Hausärzt*innen, damit diese gg. gegen gesondertes Honorar ihre Patient*innen mit entsprechenden Diagnosen an eine Telefon-Hotline übergeben. Dort soll psychiatrisches Fachpersonal im Tel.-Gespräch mit den Erkrankten den Behandlungsbedarf und die rationellste Behandlung festlegen und vermitteln. Dafür nehmen sie auch mehr Einweisungen in die Psychiatrischen Kliniken in Kauf.

Wir als DGSP-Bremen halten dieses Konzept für absolut ungeeignet – besonders für Menschen in psychischen Krisensituationen. Es widerspricht nicht nur den o.g. Vorstellungen der politischen und der Fachgremien. Es widerspricht auch absolut den Bedürfnissen der Erkrankten nach vertrauensvoller Betreuung durch möglichst eine konstante Bezugsperson und ggf. eines multiprofessionellen Teams.

Stattdessen wird ein honorargetriebenes, nach wirtschaftlichem Kalkül geleitetes, kontaktfeindliches Modell voran getrieben.

Die DGSP fordert von Politik und Krankenkassen nicht nur die Erhaltung des Rückzugshauses sondern eine zeitnahe Umsetzung des allseits angestimmten Strategiepapiers Psychiatriereform, das von der damaligen Senatorin Prof. Dr. Quante-Brandt am 30.01.2019 vorgelegt wurde.

Sven Bechtolf

– Vorstand –

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Stellungnahme zu den Äußerungen des Pressesprechers der AOK im Weser-Kurier und der TAZ von Arnolde Trei-Benker und Heiko Schwarting

Stellungnahme zu den Äußerungen des Pressesprechers der AOK Herrn Hons in den WeserKurier-Artikeln vom 15.9. und 19.9.2019 und im TAZ-Artikel vom 14.09.2019 von den Genesungsbegleiter*innen Arnolde Trei-Benker und Heiko Schwarting.

Herr Hons hat folgende Behauptungen aufgestellt:

  1. Das Rückzugshaus war ursprünlich als eine Einrichtung geplant, um Nutzerinnen, die in einer psychischen Krise sind (z. B. psychotischer Schub) kurzzeitig teilstationär aufzunehmen, damit ein Drehtüreffekt in Kliniken vermieden wird.
  2. Die AOK hat festgestellt, dass sich das Rückzugshaus zu einer Dauereinrichtung entwickelt hat. Nutzerinnen haben dort dauerhaft gewohnt.
  3. Die Vorstellung zu haben, dass Nutzerinnen in einer psychischen Krise über Nacht im Rückzugshaus bleiben und am nächsten Tag die psychische Krise überwunden haben.
  4. Am 01.10.2019 soll ein neues Angebot von der AOK gestartet werden, wo Nutzerinnen rund um die Uhr Ansprechpartner*innen habe

Unsere Positionen:

Zu 1. Das Rückzugshaus wurde von Anfang an so konzipiert, dass Nutzerinnen maximal 28 Tage im Jahr dort übernachten können, wenn der Dienst habende Arzt es für notwendig erachtet und die Krankenkasse es genehmigt. Es ist möglich, dass 28 Tage im Stück genommen werden oder an mehreren Tagen mehrmals im Jahr ein Aufenthalt stattfinden kann, abhängig vom durch einen Facharzt festgestellten notwendigen Bedarf.

Zu 2. Das ist so nicht richtig. Nutzerinnen haben nicht dauerhaft im Rückzugshaus gewohnt (Siehe auch 1.) Ein Aufenthalt ist wochentags maximal von 17.00 Uhr bis 9.00 Uhr morgens am nächsten Tag möglich und seit drei Jahren am Wochenende ganztags von samstags 17.00 Uhr bis montags 9.00 Uhr, um diesen kritischen Zeitraum abzudecken. Es kommt selten vor, dass Nutzerinnen mehr als 28 Tage im Jahr das Rückzugshaus nutzen. Falls eine längere Nutzung von den Ärzten als notwendig erachtet wird, ist zudem die Einwilligung der Krankenkasse von der GAPSFY einzuholen. Bei den wenigen Nutzerinnen, die das Rückzugshaus länger als 28 Tage im Jahr nutzten, lag grundsätzlich die Einwilligung der Krankenkasse vor!

Zu 3. Eine psychische Krise ist in den seltensten Fällen innerhalb eines Tages ausgestanden. Die meisten Nutzerinnen bleiben 7 Tage bis 28 Tage im Rückzugshaus, um die psychische Krise zu meistern. Alle Nutzerinnen nutzen das Rückzugshaus, um einen stationären Klinikaufenthalt zu vermeiden, der deutlich kostenintensiver wäre. Sie wissen es zu schätzen, dass sie tagsüber in ihrem sozialen Kontext bleiben können/arbeiten gehen können und nachts die Geborgenheit und den Schutz des Rückzugshauses nutzen können.

Zu 4. Uns ist dieses Konzept bisher nicht bekannt. Es wird erneut ein Konzept zur Behandlung psychisch kranker Menschen ohne Nutzer*innenbeteiligung , die ja Spezialisten in eigener Sache sind und am besten wissen, was für sie notwendig ist, erstellt. Dagegen wehren wir uns.

Warum werden wir schon wieder nicht nach unserer Meinung bezügich eines eventuellen neuen Konzeptes gefragt!?

Fazit:
Wir Nutzer*innen betrachten das Rückzugshaus nicht als einen eingeschliffenen Weg, der verlassen werden soll, sondern als eine bewährte Alternative zu stationären Klinikaufenthalten, die es zu erhalten gilt, auch um den Drehtüreffekt zu vermeiden.

Anmerkung: Es gibt mehrere Nutzer*innen, die zu einem Interview bereit wären, um ihre Erfahrungen mit dem Rückzugshaus mitzuteilen. Wir können den Kontakt vermitteln.

Mit freundlichen Grüßen
Arnolde Trei-Benker und Heiko Schwarting

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Petition >

Nach dem jetzigen Wissensstand von Genesungsbegleitern der GAPSY schliesst das Rückzugshaus in der Helgolanderstraße 73 zum 31.12.2019, weil die Krankenkassen die notwendigen Kosten pro Gast und Tag nicht tragen möchten. Aus dem Grund sind die bestehenden Verträge gekündigt worden.

Den Visitenärztinnen ist bereits die Kündigung ausgesprochen worden, so dass es ab Anfang nächsten Jahres keine Poolärztinnen im Rückzugshaus mehr geben wird. Das Rückzugshaus in seiner jetzigen Struktur wird es nicht mehr geben.

Wir als Genesungsbegleiterinnen halten den Fortbestand des Rückzugshauses in einer jetzigen Struktur für dringend notwendig, da es Menschen in einer akuten psychischen Krise, die nicht stationär in einer Klinik aufgenommen werden wollen, eine gute Alternative bietet. Sie können dort nachmittags, in den Abendstunden, nachts und morgens in einer für sie angenehmen Atmosphäre verweilen. Das RZH bietet ihnen entlastende Gespräche mit den Mitarbeiterinnen, Arztvisiten, gemeinsames Kochen, Abendessen, einen Fernseh- und Aufenthaltsraum, Einzel- oder Doppelzimmer als Übernachtungsmöglichkeit, Frühstück, Spiele usw. Ein Aufenthalt bis zu vier Wochen ist möglich.

Da es derzeitig an dem von uns sehr geschätzten Rückzugshaus keine Alternative gibt, müssen wir dafür kämpfen, dass es erhalten, sogar vergrößert und barrierefrei gemacht wird.

Statt dieses umzusetzen soll ein gutes Konzept, was sich über zwei Jahrzehnte bewährt hat, viel Achtung in Fachkreisen findet und sogar mehrfach ausgezeichnet wurde, still zu Grabe getragen werden. Das wollen und können wir nicht zulassen!
Deswegen brauchen wir dringend Eure Unterstützung.

Wir haben als erstes eine Unterschriftenaktion zum Erhalt des Rückzugshauses gestartet, die den Krankenkassen vorgelegt und bei der Senatorischen Behörde und dem Petitionsausschuss eingereicht wird.

Die Unterschriftenaktion startet am 16.09.2019 und endet am 27.10.2019. Wir bitten Euch die unterschriebenen Listen an das Rückzugshaus oder die Petitionsverantwortliche (Arnolde Trei-Benker, Herzogin-Cecilie-Allee 10, 28217 Bremen) zurück zu senden.

ExIn-Genesungsbegleiter*innen
Arnolde Trei-Benker (Petitionsverantwortliche) Heiko Schwarting

Petition im PDF-Format herunterladen

Unterschriftenliste zur Petion im PDF-Format herunterladen

Unterschriftenliste zur Petition >

Unterschriftenliste zur Petion im PDF-Format herunterladen

Wir können und wollen nicht zulassen, dass es das Rückzugshaus der GAPSY in der Helgoländer Str.73 ab 01.01.2020 nicht mehr gibt.

Daher kämpfen wir für den Erhalt und die Erweiterung des Rückzugshauses.

Ein Rückzugsort, in dem Menschen in einer akuten psychischen Krise, die einen stationären Aufenthalt in der Klinik vermeiden möchten, eine gute Alternative finden. Das Rückzugshaus, das viel Achtung in Fachkreisen findet und sogar ausgezeichnet wurde, bewährt sich bereits seit 15 Jahren und soll jetzt still zu Grabe getragen werden, weil die Krankenkassen die notwendigen Kosten pro Gast und Tag nicht tragen möchten.

Wir rufen die Senatorische Behörde für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz dazu auf, uns in unserem Kampf um die Erhaltung des Rückzugshauses zu unterstützen, dafür Sorge zu tragen, dass die Krankenkassen die notwendigen Kosten tragen oder ein FinanzierungsMischmodell entsteht aus SGB XII – und SGB V – Mitteln. Wir fordern die Senatorische Behörde auf, Projektmittel für den Bestand des Rückzugshauses frei zu geben.